Konzept

Der Dis­kurs um die Begriffe Zeuge und Zeu­gen­schaft hat sich in den ver­gan­genen Jahr­zehnten stark plu­ra­li­siert und das inten­sive Inter­esse der Geschichts-​​, Lite­ratur– und Kul­tur­wis­sen­schaften sowie der Psy­cho­ana­lyse und Phi­lo­so­phie auf sich gezogen. Unter der Viel­zahl von Zeug­nissen kon­zen­triert sich die Tagung auf die noch junge Gat­tung der soge­nannten Sur­vivor Testi­mo­nies (Hartman 2012). Das sind video­gra­phierte Inter­views mit Über­le­benden von Gewalt­ex­zessen his­to­ri­schen Aus­maßes. Seit der Öff­nung des ‚For­tunoff Video Archives for Holo­caust Testi­mo­nies‘ (FVA) der Yale Uni­ver­sity Library 1982, eine der frü­hesten Samm­lungen video­gra­phierter Inter­views mit Über­le­benden des Holo­caust, hat die Zahl sol­cher Video­ar­chive welt­weit stetig zuge­nommen. Das umfang­reichste dar­unter ist das an der Freien Uni­ver­sität zugäng­liche ‚Visual History Archive‘ der USC Shoah Foun­da­tion. In Berlin befinden sich außerdem wesent­liche Bestände des FVA am Ort der Infor­ma­tion unter dem Ste­len­feld des Denk­mals für die ermor­deten Juden Europas.

Trotz der Ent­wick­lung der Oral History seit den 1960er Jahren besitzen Video­zeug­nisse dieser Art in den Geschichts­wis­sen­schaften, ins­be­son­dere in Deutsch­land, noch immer einen pro­ble­ma­ti­schen Status. Vor­stöße für die Inte­gra­tion jüdi­scher Zeu­gen­schaft in die Holocaust-​​Geschichtsschreibung leis­teten auf inter­na­tio­naler Ebene Saul Fried­länder (1988, 1997) und Chris­to­pher Brow­ning (2010), deren Stu­dien wesent­lich auf münd­li­chen Zeu­gen­aus­sagen, Tage­bü­chern und anderen Ego­do­ku­menten ehe­mals ver­folgter Juden basieren, wenn­gleich nicht auf Zeug­nissen, wie sie in den Video­ar­chiven mitt­ler­weile zu zehn­tau­senden vor­liegen. Der ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler und Mit­be­gründer des FVA Geoffrey Hartman hat die neue Gat­tung der „Sur­vivor Testi­mo­nies“ als „living lite­ra­ture“ und „embo­died memo­ries“ bezeichnet (Hartman 2012). Denn anders als schrift­liche Arte­fakte bewahren Video­zeug­nisse die direkte Rede der Zeugen und stellen den dezi­diert sub­jek­tiven Cha­rakter der Augen­zeu­gen­be­richte in den Vor­der­grund, indem sich die Videos vor­nehm­lich an die mensch­liche Stimme und das Ant­litz halten. Hartman trägt mit sol­chen Bezeich­nungen einem Befund Rech­nung, den bereits Paul Ricœur in der inter­dis­zi­plinär geführten Debatte um Zeu­gen­schaft ein­ge­bracht hat: Das Zeugnis und ins­be­son­dere das Video­zeugnis doku­men­tiere „die leben­dige Erfah­rung der im Pro­zess des ‚Geschichte Machens‘ zuge­fügten Ver­let­zung“ (Ricœur 2002). Die „leben­dige Erfah­rung“ ist jedoch nicht auf den Zeugen beschränkt, son­dern bezieht als ein per­for­ma­tiver Akt den his­to­risch abstän­digen Rezi­pi­enten als sekun­dären Zeugen mit ein. Das Zeug­nisab­legen stellt mithin eine dia­lo­gi­sche Kom­mu­ni­ka­tion dar, die abhängig vom his­to­ri­schen Index der jeweils rezi­pie­renden Person erneut beginnt und eine erneute Ant­wort auf die Wider­fahr­nisse des Zeu­gens fordert.

Die beson­dere Pro­ble­matik der Video­zeug­nisse liegt darin, dass sie eine his­to­ri­sche, eine kli­ni­sche und eine poe­ti­sche Dimen­sion (Felman/​Laub 1992) besitzen, wobei keine der drei hin­rei­chend geeignet scheint, der Kom­ple­xität des Phä­no­mens Zeugnis gerecht zu werden – viel­mehr ist die Koexis­tenz und Inter­ak­tion aller drei Dimen­sionen in jedem Zeugnis impli­ziert. Genau diese Mehr­di­men­sio­na­lität erfor­dert eine trans­dis­zi­pli­näre Koope­ra­tion von Fach­kom­pe­tenzen, die im Rahmen der Tagung rea­li­siert werden soll. Aus den Per­spek­tiven der Geschichts– und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, der Phi­lo­so­phie und Psy­cho­ana­lyse sollen die audio­vi­su­ellen Zeug­nisse der Archive gemeinsam mit dem Ziel ana­ly­siert werden, Ant­worten auf die ethi­schen wie metho­di­schen Her­aus­for­de­rungen der neuen Gat­tung an die Dis­zi­plinen zu entwickeln.

 „Sur­vivor Testi­mo­nies“ stehen in der For­schung met­o­ny­misch für die Krise der Zeu­gen­schaft seit dem Holo­caust. In phi­lo­so­phi­scher Hin­sicht hat Giorgio Agamben her­aus­ge­ar­beitet, dass die an Mil­lionen Men­schen ver­übten Gewalt­taten nicht nur tiefe kör­per­liche und see­li­sche Ver­let­zungen ver­ur­sacht haben, son­dern dass dieses Ereignis die fun­da­men­talen Kate­go­rien der Mög­lich­keit und Unmög­lich­keit über Erfah­rungen zu spre­chen grund­le­gend ver­schoben hat (Agamben 2003). Der Psy­cho­ana­ly­tiker Dori Laub (1992, 1998) ana­ly­sierte als einer der ersten Inter­viewer die trau­ma­ti­schen Struk­turen der Zeug­nisse und poin­tierte seine Beob­ach­tungen in dem para­doxen Satz, dass der Holo­caust ein his­to­ri­sches Ereignis ohne Zeugen sei. Dieser Pro­ble­matik einer gestörten Erin­ne­rungs– und Iden­ti­täts­bil­dung könne mit psy­cho­ana­ly­ti­schen Methoden der Gesprächs­füh­rung begegnet werden. Solche Prak­tiken und Gesprächs­dy­na­miken zwi­schen Zeugen und Inter­viewern zum Teil der kri­ti­schen Ana­lyse spä­terer Rezep­tion zu machen, ist ein zen­trales Moment der wis­sen­schaft­li­chen Auf­ar­bei­tung. Daher sollen im Ver­lauf der Tagung renom­mierte Psy­cho­ana­ly­tiker in diesem Bereich, wie Dori Laub, Werner Boh­leber und Andreas Ham­burger, ihre Tech­niken und Prak­tiken vor­stellen und reflek­tieren und sich gleichsam den Fragen der His­to­ri­ke­rInnen, Phi­lo­so­phInnen und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rInnen stellen, die mit ähn­li­chen Inter­views in ihren Dis­zi­plinen arbeiten.

Sowohl in der phi­lo­so­phi­schen als auch in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Per­spek­tive wird deut­lich, dass der Zeuge der Shoah eine pre­käre Figur unserer auf Wissen und Wis­sens­ver­mitt­lung beru­henden gesell­schaft­li­chen Ord­nung ist, der die her­kömm­liche Bedeu­tung des Zeug­nisses als „soziale[r] Insti­tu­tion des Wis­sens“ (Schmidt 2011) in seinen juri­di­schen und epis­te­mi­schen Funk­tionen radikal in Frage stellt. Zugleich besetzt der Begriff Zeuge eine Grenz­po­si­tion zwi­schen Indi­vi­duum und Gesell­schaft, zwi­schen sub­jek­tivem Spre­chen und der Sprache als kol­lek­tiver Insti­tu­tion. Indem sein Spre­chen oder Nicht-​​Sprechen das Ereignis des Zur-​​Sprache-​​Kommens einer his­to­ri­schen und in gewisser Weise vor­sprach­li­chen Erfah­rung aus­macht, tritt im Zeugen das Ant­litz des Anderen (Lévinas 1999) hervor. Das Sub­jekt, das in der auf Ana­lyse und Kritik von dis­kur­siven Macht­me­cha­nismen fokus­sie­renden Phi­lo­so­phie, die seit Michel Fou­caults bahn­bre­chenden Arbeiten zur Archäo­logie und Genea­logie von Wis­sens­for­ma­tionen die Geistes– und Sozi­al­wis­sen­schaften domi­niert, seinen ori­gi­nären Stel­len­wert (mög­li­cher­weise zu Recht) ver­loren zu haben scheint, behauptet im Zeugnis als spre­chendes Indi­vi­duum einen Anspruch, der (wieder) gehört werden will. In der inter­dis­zi­pli­nären Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Zeugen zeichnet sich ein wis­sen­schafts­his­to­ri­scher Wandel ab, der dem spre­chenden und im Spre­chen seine Erfah­rungen bezeu­genden Sub­jekt eine neue Bedeu­tung und Bri­sanz ver­leiht. Diesem Pro­blem­ho­ri­zont will die Tagung Rech­nung tragen, indem sie dis­zi­pli­näre Per­spek­ti­vie­rungen befragt und in einen Dialog mit­ein­ander bringt.

Die Media­lität video­gra­phierter Zeug­nisse als Gegen­wär­tigset­zung des spre­chenden Zeugen in seiner leiblich-​​stimmlichen, raum­zeit­lich sin­gu­lären Prä­senz wird auch in Refle­xion auf die Bedin­gungen der medi­en­spe­zi­fi­schen Darstellungs-​​, Auf­nahme– und Sprech­si­tua­tion, auf die Mate­ria­lität der Sprache und impli­zite Weisen eines Zur-​​Sprache-​​Bringens zu pro­ble­ma­ti­sieren sein. Die Ver­schrän­kung von Zeit­lich­keits­wahr­neh­mungen sowie sub­jek­tiven Erfah­rungs– und Erin­ne­rungs­mo­menten inner­halb einer dia­lo­gi­schen Kon­sti­tu­tion von Zeu­gen­schaft führt grund­sätz­lich auf die Frage nach den Mög­lich­keiten, medialen Formen und Grenzen einer Mit­teil­bar­keit des Gewe­senen. Inwie­fern stellt die mate­rial sich ver­kör­pernde, sin­gu­läre Erfah­rung einen Anspruch an ein „Jetzt der Erkenn­bar­keit“ (Ben­jamin) und kann damit eine historisierend-​​dokumentarische Still­stel­lung von Erfah­rung, sub­jek­tiven Wider­fahr­nissen wie Ereig­nissen nicht nur unter­laufen, son­dern gera­dezu auf­bre­chen und in ihrer Viru­lenz ‚über­setzen’? Diese Her­aus­for­de­rungen, die das Video­zeugnis an die Geistes– und Sozi­al­wis­sen­schaften stellt, lassen sich nicht zuletzt im Aus­gang von Walter Ben­ja­mins kri­ti­scher Refle­xion auf die historisch-​​materiale Geschicht­lich­keit von Erfah­rung und die Auf­gabe einer ‚über­set­zenden’ Geschichts­schrei­bung pro­ble­ma­ti­sieren. Das umfas­sende Kon­zept einer Media­lität von Sprache als Medium eines Ein­ge­den­kens, das in der Sprache, in der Dar­stel­lung bzw. im dia­lek­ti­schen Bild kon­stel­lativ erfahrbar wird und dabei den Anspruch des Gewe­senen in den Erfah­rungs­hori­zont des Jetzt ein­springen lässt, sucht den Weg einer Auf­s­pren­gung von Kon­ti­nui­täts­mus­tern, eines Hör­bar­wer­dens des Uner­hörten. Die Pro­ble­ma­ti­sie­rung einer Sprache des Ein­ge­den­kens, die sich den ver­stö­renden, trau­ma­ti­sie­renden Erfah­rungen aus­lie­fert, weist damit zugleich auf die Frage nach den Rezep­ti­ons­be­din­gungen und Vor­aus­set­zungen einer Media­lität der Ver­ge­gen­wär­ti­gung, die in der Weise des Zur-​​Sprache-​​Bringens und Hörens gerade nicht abschließt oder ver­sucht, mit dem Erin­nerten fertig zu werden, son­dern ein­steht für einen ethi­schen Anspruch des Zeug­nisab­le­gens und Bezeu­gens als einer Ver­ant­wor­tung, die sich an die Gegen­wart immer neu stellt.